One by One Deutschland

"Ich habe zwar einen amerikanischen Pass, aber ich bin deutsch geblieben"

aus: One by One News #3, Juli 2004

Eine Aussage, die viele Schüler einer 12. Klasse der Frankfurter Elisabethenschule erstaunte. Carola Domar, in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen, war aus Concord, einem kleinen Ort in der Nähe von Boston gekommen und sprach mit Frankfurter Schülern. Sie musste 1939 aus Deutschland emigrieren, ihre Schwester war schon vorher aus Deutschland weggegangen, ihr Bruder wurde ermordet.

„Beeindruckt zeigten sich die Schüler vom Schicksal Carola Domars. ‚Wir hatten ja schon mehrere Zeitzeugen hier, meistens war dann immer so eine beklemmende Atmosphäre. Aber Frau Domar hat eine solche Wärme und Herzlichkeit aus gestrahlt, es war toll, ihr zuzuhören’ sagt Robin Bergmann, dessen jüdische Großeltern ganz andere Erinnerungen pflegen und sich nie als Deutsche bezeichnen würden. ‚Dieser Gegensatz hat mich schon sehr überrascht’, meint der 18 ‑Jährige. Frankfurt, und vor allem die Elisabethenschule hat Carola Domar nie vergessen.“1 War sie doch selbst einmal Schülerin der Elisabethenschule, bevor sie sie 1935 verlassen musste, damit die Schule ‚judenrein’ wurde.

stolperstein1.jpgIm Anschluss an das Gespräch mit den Schülern fand vor dem Eingang der Schule in der Vogtstraße ein kleiner festlicher Akt statt, bei dem Carola Domar ein “Stolperstein“ überrecht wurde, der im Herbst an dieser Stelle von dem Kölner Künstler Günter Demnig verlegt wird. Es sei „wichtig, dass sich die Schule mit ihrer eigenen Geschichte auseinander setzt“, sagte Schülerin Mascha Guchlerner während der Ehrung, „Wir haben zwar auch in Geschichte viel gelernt, aber nicht so viel wie bei den persönlichen Erzählungen.“2

Als Vertreterin der Stadt Frankfurt am Main erinnerte die Stadträtin Kathrin von Plottnitz in einer kleinen Rede an diese Zeit und das Schicksal Frankfurter Juden. Auch Angelika Rieber von der Arbeitsgruppe „Spuren jüdischen Lebens in Frankfurt“, die 1992 Carola Domar für ein Buch interviewt hatte, griff diesen Gedanken auf. Gabriele Lichtenheld, die Direktorin der Elisabethenschule berichtete, dass heute Schülerinnen und Schüler aus 40 Nationen an der Schule lernen und dass Toleranz und gewaltfreie Konfliktbewältigung ein wesentliches Ziel der pädagogischen Arbeit der Schule darstellen. An der Elisabethenschule finden auch die zentralen Frankfurter Abiturprüfungen in jüdischer Religion statt.

Dieser Stein erinnert daran, dass Carola Domar, geborene Karola Rosenthal, von 1930 bis 1935 an der Elisabethenschule lernte. Diese Ehrung wurde von Freunden von Carola Domar von One by One initiiert. Besonders haben sich hier Martina Emme und Elaine Doll engagiert. Die „Alt“-Frankfurterin Martina Emme hatte die Idee und mobilisierte auch ihre Frankfurter Freunde und viele andere für die Aktion. Elaine Doll kam aus Boston und begleitete Carola an diesen Tagen. Auch Wolfgang Graeser sowie Petra und Berthold Schneiderheinze, Freunde aus ihrer Dialoggruppe im Jahr 2000, haben an dieser Ehrung teilgenommen und sind nach Frankfurt gefahren, um sich dort mit Carola zu treffen.

Bei einem Stadtbummel stellte Carola Domar für sich fest, vieles hat sich verändert, aber immer wieder gab es auch Bekanntes, kamen die Erinnerungen, besonders vor dem Oeder Weg 156, dem Elternhaus. Hier waren die Geschichten aus der Kindheit wieder präsent.

Am nächste Tag erfüllte sich dann noch einmal ein großer Wunsch. Carola Domar – in der Nähe des Rheins aufgewachsen, hatte noch nie die Loreley vom Wasser aus gesehen. Das galt es dieses Mal nachzuholen. Mit der Köln-Düsseldorfer ging es von Assmannshausen nach St. Goarshausen, vorbei am Loreley-Felsen und nach zwei Stunden zurück. So endeten drei Tage voller Überraschungen.

Notizen:

  1. Frankfurter Neue Presse, 01.07.2004
  2. Frankfurter Rundschau, 01.07.2004
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