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Vertreibungen – (k)ein Thema für One by One?

Immer wieder ist diese Thematik präsent – in Gesprächen, in den Medien. Verschiedenste politische Richtungen bedienen sich ihrer aus unterschiedlichen Gründen.

Gehören die Vertriebenen auch zu den Opfern? Sind sie pauschal in die Tätergesellschaft einzuordnen? In der Berliner Zeitung vom 6. Mai 2004 fand sich einen interessanten Artikel zu dieser Thematik. An diesem Tag wurde im Centrum Judaicum der Marion-Samuel-Preis für 2004 an einen „Heimatvertriebenen“ verliehen, an einen für das deutsche Erinnerungsmilieu untypischen Mann – Wolfgang Palm.

Der heute 80-jährige sagt heute über die Spuren, die das „Dritte Reich“ an ihm hinterlassen hatte, dass es lange gedauert habe, bis er sich von der Indoktrination befreit habe und ein selbständig denkender Mensch geworden sei. Nach einem aktiven Berufsleben als Pädagoge engagierte er sich für die Heimatvertriebenenzeitschrift des Landkreises, aus dem er und die Namensgeberin des Preises stammen. Die Zeitschrift heißt: „Heimatgruß – Rundbrief aus den ehemaligen Kirchengemeinden im Kreis Arnswalde (Neumark)“. Das ehemalige Arnswalde heißt heute Choszczno und liegt Polen. Das Erinnern an das Leben in diesem früheren deutschen Osten geschieht in einem bescheidenen Ton.

In diesem Rahmen wirkt Wolfgang Palm seit 1982 als Heimathistoriker. Er besuchte Archive in Berlin, Potsdam, Greifswald und Stettin (Szeczin), nahm zu polnischen Forschern Kontakt auf und schrieb mehr als 200 Artikel.

Und – Wolfgang Palm ging der Geschichte der Arnswalder Juden nach und beschäftigte sich intensiv mit ihr in seinen Rundbriefen. Ihn störte die Selektivität der Erinnerungskultur bei vielen Heimatvertriebenen. „Es passte mir einfach nicht, dass in Kreisen der Vertriebenen so getan wurde, als sei vor 1945 alles in Ordnung gewesen.“ Er fand sich nicht damit ab, dass so getan wurde, als ob Vertreibungen erst das Resultat der deutschen Niederlage 1945 waren. Er veröffentlichte Berichte über jüdische Familien Arnswaldes, die in Archiven verstaubten, er ergänzte Deportations- und Todesorte. Die Redaktion setzte sich mit Überlebenden in Verbindung, veröffentlichte Briefe und Fotos.

Wolfgang Palm besteht darauf, dass die ersten Heimatvertriebenen des Kreises Arnswalde Juden waren, verjagt von Menschen, die im Februar 1945 dann selbst zu Flüchtlingen wurden.

Marion Samuel, gehört zu den Ermordeten von Auschwitz. Ihr Name steht in einem Gedenkbuch des Bundesarchivs. Das Unternehmerpaar Ingrid und Walter Seinsch wählen diesen Namen nach einem Zufallsprinzip stellvertretend für alle ermordeten jüdischen Kinder aus und machen ihn zum Namen eines Preises, der 1999 zum ersten Mal verliehen wurde.

Autor: Redaktion, One by One News #3, Juli 2004

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