One by One Deutschland

Ein Begegnungs- und Erzählcafé für NS-Verfolgte in Köln

Rose S. in: One by One News #10, Mai 2007

Seit 2 Jahren existiert in Köln ein Begegnungs- und Erzählcafé für NS-Verfolgte. Initiator ist der Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte. Er wurde vor jetzt 15 Jahren gegründet in erster Linie, um möglichst viele NS-Vefolgte über bestehende Entschädigungsmöglichkeiten, Hilfs- und Härtefonds zu informieren, zu beraten und zu unterstützen sowie soziale Not zu lindern.

Die verfolgten Überlebenden sind inzwischen ca. 75 bis über 90 Jahre alt geworden und sehen sich vor neue Probleme gestellt wie das allgemeine Schwinden der körperlichen Kräfte, abnehmende Mobilität sowie Hilfs- und Pflegebedürftigkeit. Es ist ganz allgemein gesprochen eine neue Abhängigkeit, die für Menschen mit solchen Schicksalen verständlicherweise mit besonderen Ängsten und mit Abwehr verbunden ist und Erinnerungen an traumatische Erlebnisse lebendig werden lässt.

Die meisten Menschen, die der Bundesverband NS-Verfolgung betreut, leben unter sehr eingeschränkten Verhältnissen. Partner oder Partnerinnen sind bereits verstorben, Kinder – wenn vorhanden - leben oft an weiter entfernten Orten, kurz: die Menschen fühlen sich isoliert und einsam und sind es auch.

So wurde im Frühjahr 2005 die Idee realisiert, einen regelmäßigen Treffpunkt für NS-Verfolgte in Köln einzurichten, das Erzähl- und Begegnungscafé. Bei diesem Café arbeite ich von Anfang an als Freiwillige mit. Es ist eine offene Einladung an alle NS-Verfolgte, unabhängig ihres Verfolgungsgrundes. Überlebende des Holocausts, der Kindertransporte, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, Opfer der Militärjustiz, Überlebende nach einen Leben im Versteck sowie aus anderen Gründen Verfolgte gehören zu Besuchern des Cafés. Für Menschen, die sich nicht mehr aus eigener Kraft fortbewegen können, wurde ein Fahrdienst organisiert. Anders als erwartet kommen die Gäste nicht nur aus Köln und dem nahen Umfeld, sondern in Einzelfällen bis zu einem Umkreis von 60-90 km.

Eine sehr verkehrsgünstig gelegene Altersresidenz stellt uns regelmäßig einen Raum zur Verfügung. Die TeilnehmerInnen sitzen an Tischen bis zu 8 Personen, so dass noch eine Unterhaltung untereinander möglich ist. Es gibt Kaffee, Kuchen und Wasser.

Die Treffen finden in einem festen Rhythmus alle 14 Tage statt. Das Begegnungscafé ist eine 'geschlossene Gesellschaft'. Es dient vor allem dem persönlichen Kontakt, der Geselligkeit und dem gemütlichen Beisammensein, 'geschlossen' deshalb, um einen vollkommen geschützten Rahmen zu schaffen, wo ohne Angst vor Feindseligkeiten miteinander gesprochen werden kann.

Cirka achtmal pro Jahr wird das Begegnungscafé zum Erzählcafé. Dieses ist öffentlich und wird in der Tagespresse angekündigt, Gäste sind herzlich willkommen. Besonders erfreut sind wir, wenn junge Menschen teilnehmen, manchmal sogar ganze Schulklassen. Ist die erste Scheu überwunden, kommen lebendige Gespräche mit den Jugendlichen und den Überlebenden zustande. Bei den Erzählcafés berichtet ein Erzähler oder eine Erzählerin von dem persönlichen Verfolgungsschicksal oder liest aus seinem/ihrem Buch vor, in dem die Lebensgeschichte niedergeschrieben wurde. Hin und wieder liefert auch ein Film das Anschauungsmaterial.

Die Vortragenden sind meistens auswärtige Gäste. Besonders freuen wir uns, wenn Café- Teilnehmer sich selbst bereit erklären, wobei sehr behutsam vorgegangen werden muss. Die Geschichte ist dann zu 'dicht', sowohl die Erinnerung als auch die damit verbundenen Gefühle drohen Erzähler wie Zuschauer zu überschwemmen.

Auch die anschließende Frage- und Diskussionsrunde ist nicht immer einfach. Bei aller Unterschiedlichkeit der Verfolgungsschicksale kommen beim Zuhören anderer Berichte die TeilnehmerInnen so stark auch mit dem eigenen Schicksal in Berührung, dass die Reaktion auf das Gehörte nicht vorhersehbar ist. Sie kann starke Emotionen, manchmal heftige Ablehnung oder eine vermeintlich notwendige 'Richtigstellung' hervorrufen. Das eigene Leiden ist das größte und heftigste. Anzuerkennen, dass dies auch immer für die anderen gilt, ist schwer.

Wir alle freuen uns sehr darüber, welche Entwicklung das Café in den beiden jetzt vergangenen Jahren genommen hat. Für die meisten ist es ein regelrechter jour fix geworden. Sie freuen sich darauf, manche leben regelrecht darauf hin. Einige halten schon Kontakt außerhalb untereinander. Wenn möglich begleiten sie sich beim Nachhausegehen zu den entsprechenden Haltestellen (Für diejenigen, die nicht allein in der Lage sind zu kommen, gibt es den Fahrdienst). Man begrüßt sich herzlich, das gegenseitige Wohlergehen wird aufmerksam registriert und kommentiert. Die Monats-Geburtstagskinder bekommen einen Blumenstrauß , sie werden besungen und bekommen Applaus. Alle sind immer sehr pünktlich (meistens viel zu früh!).

Hin und wieder werden extra Fahrten organisiert. Die Ziele sind begrenzt, einmal aus finanziellen Grenzen des Bundesverbands für NS-Verfolgte, aber auch durch die kräftemäßigen Möglichkeiten unserer Gäste. Unbekannte Treffpunkte, antizipierte Unwägsamkeiten bringen schon im Vorfeld viel Aufregung mit sich. Aber schließlich sind sie doch alle da, und hinterher wird begeistert darüber gesprochen. Diejenigen, die nicht mitkommen konnten haben das Gefühl, etwas 'verpasst' zu haben

Einige Beispiele von Unternehmungen:

  • Ein sehr engagierter Schauspieler der „Lindenstraße“ verschaffte der Gruppe eine Extra-Führung durch die hiesigen Studios. Einige der Schauspieler waren so angetan von dieser Gruppe und kommen sogar noch bis heute hin und wieder in unser Café und unterhalten sich sehr unbefangen, liebevoll und persönlich mit unseren Gästen, was diese immer als große Ehre empfinden.
  • Einmal machten wir bei schönem Sommerwetter eine 1 1/2stündige Dampferfahrt am Köln-Panorama vorbei, ein anderes Mal waren wir im Haus der Geschichte in Bonn, wo sich unsere TeilnehmerInnen vor allem für die Ausstellungsstücke der 50er und 60er Jahre interessierten und sich heftig amüsierten. Bundeskanzler Kohl und die Bänke des Plenarsaales des alten Bundestages waren weniger interessant. Wir besuchten das NS Dokumentationszentrum in Köln, was bei einigen schmerzliche Erinnerungen hervorrief. Sie waren dort selbst eingesperrt und hatten dort gelitten. Sie hatten sich aber selbst dazu entschlossen mitzugehen. Gerade bei solchen Dingen ist die einfühlsame Begleitung unsererseits notwendig. Bei der Führung habe ich mit einer Teilnehmerin, die schreckliche Erfahrungen dort gemacht hatte, die ganze Zeit vor der Tür in der Sonne gesessen. Sie wollte nicht mit hinein. So blieb ich bei ihr. Sie hat mir dann sehr viel von dieser Zeit erzählt. So konnte ich ihr etwas beistehen.
  • Jetzt bereits zum zweiten Mal haben wir zusammen ein 'Weihnukka'-Fest gefeiert (unsere Eigenschöpfung aus Weihnachten und Hanukka), was allen, christlichen sowie jüdischen Glaubens aber auch den atheistischen TeilnehmerInnen Freude bereitet hat. Natürlich gab es für jeden auch ein Geschenk. Für manche war das das erste Mal seit langer, langer Zeit. Wir würdigen auch alle Gedenktage, wie z.B. jüdische Feiertage, Befreiung der Konzentrationslager, Ende des 2. Weltkrieges usw., das immer neuen Anlass für Erinnerungen und für Gespräche bietet.

Längere Exkursionen sind nicht möglich. Die finanziellen Mittel des Bundesverbandes für NS Verfolgte sind sehr begrenzt, das Café ist ohnehin quasi ein Zusatzangebot für die jetzt alten Verfolgten. Ohne Sponsoring wäre die Durchführung des Café-Angebots überhaupt nicht möglich und ohne ehrenamtliche Mitarbeit auch nicht.

Im Bundesverband werden ohnehin nur sehr wenige feste Stellen finanziert, alles andere geschieht durch Projekt-Finanzierung und ehrenamtlichen Einsatz.

Wichtig für das Gelingen des Cafes ist Kontinuität bei der Mitarbeit Es ist unabdingbar, dass Vertrauen zwischen uns BegleiterInnen und unseren Gästen entsteht. Zuhören, Zeit und Aufmerksamkeit schenken, beobachten, bei kleinen Hilfestellungen da sein, das sind unsere Aufgaben. Wir Freiwillige verstehen uns dabei als zum Team gehörend. Nach jedem Treffen machen wir ein Auswertungsgespräch, weitere zusätzliche Treffen zwischen den offiziellen Terminen kommen noch dazu.

Ich mache diese Arbeit sehr gern. Sie erinnert mich in vielem an das, was ich bei One by One erlebt, erfahren und gelernt habe. Beim Kölner Treffen ist nicht das Erzählen der Lebens- bzw. Verfolgungsgeschichte Zweck der Begegnung, sondern das Beisammensein, sich verstanden zu fühlen, die Lasten des Lebens zu vergessen oder auch miteinander zu teilen, d.h. reden, wann und wie man reden möchte. Das ist der Impuls für die meisten, immer wieder und regelmäßig zu kommen. Die problembeladenen Themen setzen sich ohnehin durch, werden aber oft auch in Einzelgesprächen geführt.

Bei aller darunter liegenden und von Zeit zu Zeit offen zutage tretenden Schicksals-Dramatik zeichnen sich unsere Begegnungen durch eine gewisse Leichtigkeit aus. Es ist ein Platz, der nicht nur den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Freude bringt, an dem sie Gemeinschaft und Freundschaftlichkeit erfahren können vor dem gegenseitigen Wissen um die erlittenen seelischen und körperlichen Verletzungen und Demütigungen.

So ist es ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Es macht Mut, weiterzumachen.

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