One by One Deutschland

Mein Weg zu One by One

Im Mai 2000 hat Gottfried Leich aufgeschrieben, wie er den Weg zu One by One gefunden hat:

Vor vier Jahren [1996] habe ich One by One kennen gelernt, eine Organisation mit Sitz in Boston, USA, zu der Nachkommen von Überlebenden des Holocaust sowie anderer Verfolgter des Nazi-Regimes und Nachkommen der NS Tätergesellschaft gehören. Im Zentrum der Arbeit von One by One stehen Dialoggruppen, zu denen sich Menschen zusammenfinden, deren Geschichte von der Zugehörigkeit zu der einen oder der anderen Seite geprägt ist. Näheres über die Arbeit von One by One erfuhr ich, als ich zu einer Veranstaltung im Anschluss an eine Dialoggruppe ging. Mitglieder der Gruppe berichteten über ihre Erfahrungen.

Ich kam ins Gespräch mit einer jüdischen Amerikanerin, Tochter eines Holocaust-Überlebenden aus Osteuropa. Als sie hörte, dass ich zur Hitler Jugend Generation gehörte, fragte sie mich, wie ich als Junge die „Kristallnacht“ am 9. November 1938 erlebt hatte. Das war ein Schock für mich! Mit großer innerer Bewegung erzählte ich ihr, wie ich mich am Tag nach der Pogromnacht an der Plünderung eines jüdischen Geschäftes beteiligt hatte, ohne als Neunjähriger zu verstehen, was da vorging.

Vielleicht war mir noch nicht einmal bewusst, dass es sich um ein jüdisches Geschäft handelte. Als ich nach Hause kam und meinem Vater davon erzählte, wurde er kreidebleich und ich spürte seine Angst und seinen Zorn. Mir wurde klar, dass etwas Schlimmes geschehen war, aber mein Vater sagte kein Wort dazu weder damals noch später.

Das alles erzählte ich meiner jüdischen Gesprächspartnerin. Zum ersten Mal war ich mit jemand konfrontiert, dessen Familie unter der Judenverfolgung gelitten hatte. Zum ersten Mal gestand ich mir ein, dass ich, wenn auch nur am Rande, an dem Novemberpogrom beteiligt und Teil eines Systems gewesen war, das die Vernichtung der Juden zum Ziel hatte. Und noch nie war ich in einem Gespräch über meine Erfahrungen während der Nazi-Zeit emotional so berührt wie in diesem Augenblick. Etwas brach in mir auf und ich wusste, dass ich auf diesem Weg weitergehen musste. Ein Prozess begann, der heute noch andauert.

Ich begann, meine Vergangenheit mit anderen Augen zu sehen und entschloss mich, an einer Dialoggruppe von One by One teilzunehmen. Damals konnte ich noch nicht absehen, was das für mich bedeuten würde. Aber ich wusste, dass es darum ging, die eigene Lebensgeschichte, wie sie durch das Nazi Regime geprägt worden ist, und den Umgang mit der eigenen Geschichte in den Dialog mit Nachkommen von Opfern des Nazi Regimes einzubringen und umgekehrt deren Lebensgeschichte zu hören und sich darauf einzulassen.

Zur gleichen Zeit machte ich noch eine andere Erfahrung, die mir den Blick öffnete. Ich besuchte das Haus der Wannseekonferenz in Berlin. Dort wurde am 20. Januar 1942 von SS-Führern und Ministerialbeamten die sogenannte Endlösung der Judenfrage erörtert. So steht es verharmlosend im Protokoll. Direkt und ohne euphemistische Umschreibung gesagt: Die Konferenzteilnehmer beschlossen den Rahmenplan für die Ermordung der Juden Europas. In dem Haus gibt es eine ständige Ausstellung und dort sah ich ein Foto, auf dem der Marktplatz meiner Heimatstadt Dessau zu sehen war. Auf dem Platz waren am hellen Tag Juden versammelt, um nach Osten in die Arbeits- und Vernichtungslager deportiert zu werden.

Dieses Bild traf mich wie ein Schlag, Etwa 500 Meter von dem Marktplatz entfernt befand sich meine Schule. Der Schulweg meiner Schwester führte daran vorbei. Mein allgemeines Wissen über den Holocaust bekam plötzlich einen ganz persönlichen und konkreten Bezug. Was ich auf diesem Bild sah, geschah in meiner Stadt, in meiner Nähe, unter den Augen von Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt. Was haben sie wahrgenommen, wie haben sie reagiert und vor allem was ist aus ihrer Wahrnehmung geworden? Was haben meine Eltern davon gehört, was meine älteren Geschwister, was ich selbst? Was habe ich insgesamt von der Verfolgung und Vernichtung der Juden erfahren und was habe ich aus meiner Wahrnehmung ausgeblendet und verdrängt? Je mehr ich diesen Fragen nachgegangen bin, desto mehr habe ich gelernt, meiner Erinnerung zu misstrauen und damit zu rechnen, dass ich viel von meiner Geschichte verdrängt habe.

Mit 10 Jahren kam ich 1939 zum Deutschen Jungvolk. Ich gehörte zu dem Jahrgang, der als erster nach dem neuen Gesetz über die Hitler-Jugend geschlossen in das Deutsche Jungvolk aufgenommen wurde. Ich war begeisterter Pimpf! Schon bald war ich ein kleiner Führer, machte Karriere und war schließlich Fähnleinführer. Ich bin immer wieder gefragt worden und habe mich selber gefragt, wie ich indoktriniert worden bin. Lange hatte ich darauf keine Antwort. Ich erinnerte mich an die obszönen antisemitischen Karikaturen in den Hetzblättern „Der Stürmer“ und „Das schwarze Korps“. Sie haben mich abgestoßen und es gruselte mich vor den Gestalten auf den Zeichnungen. Aber welche Wirkung hatten diese Bilder auf mich? War nicht doch etwas dran an diesem Bild „vom Juden“, wie man damals sagte.

Im Gespräch mit einer gleichaltrigen Frau tauchte dann vor einiger Zeit ein antisemitisches Lied in meiner Erinnerung auf, das auch ich gesungen habe: „Die Juden zieh´n dahin, daher / Sie ziehe durchs Rote Meer/ Die Wellen schlagen zu / Die Welt hat Ruh.“ Das war´s, wurde mir bewusst. Unverstanden und ohne Bezug zu realer Erfahrung mit Juden hat so ein Lied mein Bild von Juden geprägt und antisemitische Vorurteile in mich eingepflanzt.

Lange Zeit habe ich das nicht für möglich gehalten und hätte es nie zugegeben. Antisemitismus widersprach meinem Selbstbild und dem Idealbild, das ich von meiner Familie hatte. Ich konnte mich ja auf andere Erfahrungen in meiner Familie berufen. Mein Vater war Pfarrer und wir lebten in einer kirchlichen Einrichtung, zu der auch ein Krankenhaus gehörte. Mit 5 oder 6 Jahren hatte ich eine Mittelohrentzündung und wurde zuhause von Dr. Schoeps behandelt. Den Namen habe ich nicht vergessen. Dr. Schoeps, so wurde gesagt, kann nicht in seiner Praxis in der Stadt arbeiten, deshalb ist er jetzt bei uns im Krankenhaus tätig. Warum Dr. Schoeps seine Praxis in der Stadt nicht weiterführen konnte, das blieb ungesagt. Aber einige Zeit später, so erinnere ich mich, kam eine Karte aus Shanghai mit der Nachricht „Bin gut angekommen“. Unterschrieben war die Karte nur mit den Anfangsbuchstaben des Namens von Dr. Schoeps. Wieder wurde mit keiner Silbe davon gesprochen, was diese Nachricht bedeutete.

Auf dem Gymnasium hatte ich mit 11 oder 12 Jahren Religionsunterricht bei einem Lehrer, bei dem wir auch Latein hatten. Er war Ortsgruppenleiter der Nazi-Partei. Er wollte uns ein von allen jüdischen Elementen gereinigtes Christentum vermitteln. Im Mittelpunkt seines Unterrichtes stand ein frühmittelalterlicher Text, in dem Jesus als germanischer Held dargestellt wurde. Unser Lehrer wurde nicht müde zu betonen, dass, Jesus kein Jude, sondern arischer Abstammung war. Mein Vater war Mitglied der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Einführung des sogenannten Arierparagraphen in der Kirche wehrte. Die Irrlehre über die arische Abstammung Jesu wollte er nicht hinnehmen und so meldete er mich von diesem Religionsunterricht ab. Diese Erfahrungen prägten mein Selbstbild. Dazu kam, dass nach dem Ende des 3. Reiches Antisemitismus in Deutschland tabuisiert war, wenn auch unter der Oberfläche weit verbreitet. Und in der evangelischen Kirche galt die Tradition der Bekennenden Kirche, deren Widerstand gegen die Naziherrschaft unkritisch verherrlicht wurden Ich tat, was die Mehrheit der Deutschen damals tat. Ich verdrängte meine Verstrickung in den Nationalsozialismus und sah mich und meine Familie auf der „richtigen“ Seite.

Manchmal tauchten antisemitische Sprüche in mir auf und kamen spontan über meine Lippen. Es waren Sprüche, die ich als Kind in der Schule, in der Hitler Jugend, aber auch zuhause gehört hatte. Jedesmal war ich zutiefst erschrocken und wollte es nicht glauben, dass solche antisemitischen Vorurteile in mir steckten. Erst nach einer Konfrontation in einer Gruppe von One by One habe ich es gewagt, mir und anderen meine antisemitischen Vorurteile zuzugeben. Und ich begriff, dass ich meinen Antisemitismus nur überwinden kann, wenn ich dazu stehe, und dass ich nur dann glaubwürdig gegen Antisemitismus in unserer Gesellschaft Stellung beziehen kann.

Es war noch einmal eine andere Geschichte, die antijudaistischen Stereotype in der christlichen Tradition und in meiner Theologie zu entdecken. Ich wusste seit Jahren, dass es in Deutschland eine Gesellschaft für christlich jüdische Zusammenarbeit gibt. Aber ich musste erst jüdische Gemeinden, jüdischen Gottesdienst und jüdische Frömmigkeit kennen lernen, um zu realisieren, dass es heute ein lebendiges Judentum auf der Basis der Tora und der hebräischen Bibel gibt. Ich erkannte nach und nach, dass mein Bild vom Judentum geprägt worden ist durch das Bild, das die Evangelien und die anderen christlichen Schriften vermitteln. Ohne mir dessen bewusst zu sein, wuchs ich in die antijudaistische Polemik des Neuen Testaments hinein. Und dies war nicht ein Zufall, der nur mich betraf. Diese Sichtweise war und ist weit verbreitet. Sie ist aufgekommen, als die christliche Gemeinde sich nicht länger als Teil der jüdischen Gemeinde verstand, sondern als das neue und wahre Volk Gottes, das wahre Israel. Damit wurde Israel durch die christliche Kirche enterbt. Ich bin erschüttert, wenn ich mir die Darstellung von Kirche und Synagoge an mittelalterlichen Domen vor Augen halte: Die stolze, siegreiche Kirche und die gebrochene Synagoge, deren Augen verbunden sind. Und ich bin beschämt, dass diese Bild neben zahlreichen anderen ähnlichen mir so lange selbstverständlich war und meine Sicht geprägt hat.

Es ist ein mühsamer Weg für mich und die Christen in Deutschland zu lernen, dass die hebräische Bibel auch die Bibel Jesu und die Wurzel des christlichen Glaubens ist. Aber es gibt keinen anderen Weg, wenn wir unserer Verantwortung als Christen nach dem Holocaust gerecht werden wollen.

Autor: Gottfried Leich, One by One News - Special Edition - April 2005

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