One by One Deutschland

Begegnung in Auschwitz

Beate Niemann in: One by One News #4, Februar 2005

Wir wussten voneinander nur, dass der eine aus einer Opferfamilie, die anderer aus einer Täterfamilie kommt.

Im Hotel hatten wir uns um 7.00 Uhr zum Frühstück getroffen, wir wurden einander vorgestellt, hatten uns die Hand gegeben und kurz angeschaut. Auf der Fahrt nach Auschwitz saß der Regisseur zwischen uns und versuchte anfangs, ein Gespräch in Gang zu bringen, um die Spannung zu verringern, die bei allen herrschte. Norbert hielt eine weiße Plastiktüte in der Hand, von der für mich gefühlsmäßig eine Bedrohung ausging. Ich fürchtete mich vor dem unbekannten Inhalt der Tüte. Unter höchster Spannung hielten wir auf dem Parkplatz vor dem Stammlager Auschwitz. Norbert und ich wurden verkabelt, zusammen sollten und wollten wir durch das Lager gehen, aber war das überhaupt möglich?

Bei eisiger Kälte gingen Norbert und ich langsam durch das Lager, in einzelne Häuser. Wir sprachen Englisch miteinander. Mit leiser Stimme erzählte mir Norbert seine Familiengeschichte und die Geschichte von Auschwitz. Seine Eltern hatten sich von Belgien aus in den unbesetzten Teil Frankreichs retten können, hier wurde er 1941 geboren. Weil aber die Großeltern aus Antwerpen nicht nachkommen konnten, gingen seine Eltern mit ihm zurück. Sein Vater wurde 1942 verhaftet, deportiert und in Auschwitz ermordet und etwa 100 Familienangehörige des aus Polen stammenden Vaters. Norberts Mutter konnte sich auf einem Dorf in Belgien zusammen mit ihrem 1jährigen Kind verstecken. Jahre nach Kriegsende heiratete die Mutter einen entfernten Verwandten, dessen Frau und drei kleine Söhne in Auschwitz ermordet worden waren. Er selbst hatte 3 Jahre das Lager überlebt. Er war ein liebevoller Adoptivvater, Norbert versuchte, ihm die drei Söhne zu ersetzen, der Adoptivvater suchte in Norbert seine Söhne.

Norbert kam zum 4. Mal nach Auschwitz. Hier ist für ihn das Grab seines Vaters. Der Regisseur stellte ihm die Frage, wie es ihm gehe, an diesem Ort mich, die Tochter eines Täters, zu treffen. Wir blieben stehen. Norbert sah mich zum ersten Mal fest an: „Ich habe sehr ambivalente Gefühle. Ich kann Ihnen (oder ihnen?) nicht vergeben. Warum hassen uns die Deutschen so sehr, dieses Kulturvolk?“ Er erzählte eine Geschichte: Seine Cousine, damals 5 Jahre alt, wurde von einem SS Mann nach ihrem Namen gefragt. Sie antwortete: „Allee''. Darauf der SS Mann: „Nein, Dein Name ist S A U“. Diesen Satz sprach Norbert ganz laut und deutlich auf Deutsch und „RRaus! RRaus!“

Wir standen auf dem Appellplatz, in schneidendem Wind, Hagel und Schneeschauern. Norbert sprach über seinen Vater, der hier gestanden haben wird, in dünner Häftlingskleidung, mit Holzpantinen an den Füßen. Der Regisseur fragte mich, wie ich mich fühle. Hier an diesem Ort bin ich Deutsche, stehe hier als Deutsche, voller Scham, Verantwortung und so großer Trauer.

In der Gaskammer entzündete Norbert ein Licht für seinen Vater. Wieder wurde ich nach meinen Gefühlen gefragt. Ich wollte in diesem Raum nicht sprechen, ich wollte in diesem Raum nicht sein, für mich ist es, als trete ich noch einmal auf die Körper der hier Ermordeten. Der Regisseur entschuldigte sich für die Frage, sie gingen in das Krematorium, Norbert entzündete auch hier eine Kerze und sprach seine Gebete. Erfassen wir wirklich, was hier geschah? Für mich ist es un-faßbar.

Im Haus Nr. 6, in dem der Flur vollen Häftlingsfotos hängt, öffnete Norbert die weiße Plastiktüte. Sie enthielt Fotografien seiner Eltern, seiner Großeltern, ein Bild der kleinen Alida, anderer Verwandter. Bei jedem Bild fragte er mich auf deutsch: „Ist das ein Untermensch?“ Mir tat sich der Boden unter meinen Füßen nicht auf, um mich verschwinden zu lassen. Es sind Zentnerlasten, die ein jeder von uns mit sich trägt. Ich konnte nur die Bilder in mich aufnehmen, Norbert zuhören, meine Gedanken und Gefühle zurück drängen.

Nach 6 Stunden wärmten wir uns in dem kleinen Restaurant am Parkplatz auf, das Team ging noch einmal nach draußen. Das erste Mal waren Norbert und ich allein. Wir sahen uns an, jeder in seinen Gedanken verhangen. Aber dann brach Norbert das Schweigen, begann, mich nach meiner Familie zu befragen.

Das Gespräch setzten wir beim gemeinsamen Abendessen in Krakau fort. Norbert erzählte von der Vereinigung der „Hidden Children“, deren Vorsitzender er ist, von dem ersten Holocaust Museum in Belgien, in Mechelem, fragte auch immer weiter nach meiner Familiengeschichte. Es war ein gutes Gespräch. Norbert bat mich, für eine im November geplante Berlinreise Informationen einzuholen. Zurück im Hotel verabschiedeten wir uns zurückhaltend aber freundlich voneinander, da ich am nächsten Morgen bereits um 5.00 Uhr meine Heimreise nach Berlin antreten würde.

Ich hatte diese Reise mit Blei an den Füßen und im Herzen angetreten, mit dem Gefühl, das Richtige getan zu haben, kam ich zurück. Mit Dankbarkeit, dass diese Begegnung möglich gewesen war. Herbeigeführt wurde sie durch das Öffentlich Rechtliche Fernsehen Belgien. Die Politik Redaktion „Panorama“ hatte in ihrer Planung für den 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz einen unüblichen Beitrag bringen wollen. Ein Redaktionsmitglied hatte vor 2 Jahren den 90min. Film über meine Spurensuche nach meinem Vater von Yoash Tatari gesehen, in dem ja auch ein Gespräch mit Salomea, Petra, Inge und mir vorkommt. So entstand die Idee. Gesendet wurde der Beitrag am 27. Januar 2005 im Rahmen der Berichterstattung über die Feierlichkeiten in Auschwitz, zu denen auch der belgische König gekommen war.

Norbert rief mich nach der Sendung an. Er sagte, wie sehr er es bedaure, dass der Beitrag nur 15 Minuten gewesen ist, wir hätten uns doch so viel Wichtiges in diesen Stunden gesagt. Er habe einen Artikel für seine jüdische Zeitung geschrieben, den er mir schickte, der Artikel ist holländisch geschrieben, so dass ich nur Teile davon verstehe. Meine Frage, ob er auch abwehrende Reaktionen auf die Sendung oder seinen Artikel bekommen habe, verneinte er.

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